27 | 06 | 2017

Poetischer Warnruf an nachfolgende Generationen

Gastvortrag des Schriftstellers Reiner Kunze am Spee-Kolleg

von Susan Alfter

 

Schon zum zweiten Mal hatte sich der mit zahlreichen Ehrungen und Auszeichnungen bedachte Schriftsteller Reiner Kunze, Jahrgang 1933, bereit erklärt, am Friedrich-Spee-Kolleg eine Dichterlesung zu geben. Diesmal stellte er jedoch am vergangenen Montag weniger eigene Lebenserfahrungen und Werkausschnitte in den Fokus, als vielmehr die Schicksale von fünf tschechischen Schriftstellerkollegen, deren Poesie, so Kunze, von Weltrang sei. Diese Schicksale, betonte er, könnten sich überall und jederzeit wiederholen. Denn die diese ermöglichenden Umstände würden immer existieren, weil es „immer verführbare Masse sowie Verführer und Verführerinnen mit Charisma“ geben werde. Vor diesem Hintergrund verstand Kunze seine Ausführungen als einen Warnruf an nachfolgende Generationen.

Kunze beleuchtete das Geschehen nach 1945 in der Tschechoslowakei unter kommunistischer Regierung und deren „politischen Säuberungsterror“, zu dem auch die Festsetzung und Ausgabe von Hinrichtungsquoten gehörte. Diesem fiel Závis Kalandra zum Opfer, hingerichtet wegen eines Protestbriefes, der als „antisowjetisch“ eingestuft wurde. Konstantin Biebl zog angesichts des Regimes Konsequenzen und stürzte sich aus Furcht vor Verhaftung aus dem Fenster. Besonders berührt zeigte sich das Publikum vom Schicksal des 29-jährige Ivan Blatný. Er galt als einer der begabtesten tschechischen Lyriker seiner Generation. Vergeblich ersuchte dieser in Großbritannien um politisches Asyl. Aufgrund daraus resultierender massiver Drohungen und Beschimpfungen als „Verräter“ und „abartiger Dichter“, entwickelte Blatný einen ausgeprägten Verfolgungswahn, so dass er sich 1954 selbst in eine psychiatrische Klinik einwies. Dort blieb er, aus Furcht vor Entführung, bis zu seinem Tod 1990. 36 Jahre wurde diese Klinik zu dem einzigen Ort, an dem er sich sicher fühlte. Seine Lyrik verfasste er nachts auf der Toilette. Einer Krankenschwester namens Francis Meacham ist es zu verdanken, dass diese der Nachwelt erhalten geblieben ist. Sie sammelte die von ihr entdeckten Gedicht-Blätter und nachdem sie die Qualität der Lyrik erkannt hatte, schickte sie sie an einen Exil-Verlag in Toronto. Jan Zahradnicek, ein tief gläubiger Katholik, gehörte zu einem Kreis gleichgesinnter Schriftsteller, die privat agierten, indem sie sich in ihren Wohnungen gegenseitig aus ihren Werken vorlasen. 1952 wurde er in Haft genommen und verstarb an deren Folgen. Sein Gedicht „Einzelhaft“ verschaffte beklemmende Eindrücke von dem Erleben des Dichters. Der Dichter, Grafiker und Übersetzer Bohuslav Reynek gehörte zu den wenigen, die im öffentlichen Leben nicht bemerkt und so von Repressalien und Verfolgung verschont blieb. Von ihm stammt das Prosagedicht „Das Alter“, welches Kunze ebenso fein differenziert und klar artikuliert vortrug wie auch die anderen Werkauszüge.

Nach seiner bewegenden Schilderung dieser tragischen Lebenswege beantwortete Kunze nicht nur Fragen der Zuhörerinnen und Zuhörer, sondern las noch auf Wunsch aus seinem eigenen Werk „Wohin der Schlaf sich schlafen legt. Gedichte für Kinder“.

Mit lang anhaltendem Applaus würdigte das Publikum die Ausführungen und den Vortrag einer beeindruckenden Schriftstellerpersönlichkeit.

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